Richard Sennett: Zusammenarbeit

Was uns zusammenhält und unserer Identität nützt.

Der amerikanische Soziologe und Kulturphilosoph Richard Sennett hat mit seinem Buch »Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft  zusammenhält«, das zweite einer geplanten Triologie über »jene Fertigkeiten […], die Menschen benötigen, um das alltägliche Leben zu bewältigen«, vorgelegt. Schon mit »Handwerk« (2008) hat er eine breit angelegte Kulturgeschichte, unseres Verhältnisses zur Arbeitswelt, geliefert.

Richard Sennett gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die komplexe Zusammenhänge verständlich vermitteln können, ohne populär zu sein. Seine Hauptthemen sind die Orientierungslosigkeit, sowie die Oberflächlichkeit und Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen. Gerade dieser Aspekt seiner Arbeit fasziniert mich besonders.

Der Autor geht einleitend auf einen wichtigen Aspekt der Zusammenarbeit ein: Der Dialogik. Das Wesen der Dialogik zeigt sich darin, dass Menschen, die nicht beobachten, auch kein Gespräch führen können. Die Fähigkeit des Zuhörens hat für das Gespräch eine hohe Bedeutung. Zuhören erfordert, genau darauf zu achten, was andere sagen, auf die Gesten und Sprechpausen wie das explizit Gesagte, und es interpretieren, bevor man antwortet. Das Gespräch wird dadurch reicher, kooperativer, dialogischer – obwohl wir uns zurückhalten, um beobachten zu können.

Dieses aufmerksame Zuhören führt zu dialektischen oder dialogischen Gesprächen. Im Dialektischen sollen Gegensätze schrittweise eine Synthese hervorbringen. Ziel soll sein, am Ende zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen. Im Dialogischen soll es nicht auf eine Übereinstimmung hinauslaufen. Der Austausch soll vielmehr die eigene Sichtweise stärker bewusst machen und ein besseres Verständnis füreinander entwickeln. Wenn wir gut zuhören, können wir Sympathie oder Empathie empfinden.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, in denen Richard Sennett erkundet, wie Kooperationen gestaltet, geschwächt und gestärkt werden kann.

Im ersten Teil geht er u.a. auf das Spektrum der Austauschbeziehungen ein. Hier unterscheidet er zwischen:

  • altruistischen, zu dem auch die Selbstaufopferung gehört;
  • Win-Win-, aus dem beide Seiten Nutzen ziehen;
  • differenzierende, bei dem die Partner sich ihrer Unterschiede bewusst werden;
  • Nullsummen-, bei dem der Nutzen der einen Seite auf Kosten der anderen geht;
  • und »der Gewinner erhält alles«-, in der eine Seite alles und die andere nichts erhält.

Ein Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konkurrenz wird besonders beim Win-Win-Austausch hergestellt. Diese stellt sich nicht von selbst ein, sondern erfordert Verhandlungsgeschick. Hier ist es wichtig, Konfrontationen abzumildern, unliebsame Wahrheiten indirekt zu formulieren, so dass ein Gegenüber eher bereit ist, sie zu akzeptieren. Sensibilität gegenüber anderen und mit Mehrdeutigkeiten umgehen zu können, sind hier entscheidend. Und Höflichkeit, bei dem beide Seiten dafür sorgen, dass der andere sich wohlfühlt.

Eine Schwächung der Kooperation führt er – im zweiten Teil – auf den Umstand der sich weiter ausbreitenden Ungleichheit und des gestörten sozialen Zusammenhalts (in den westlichen Industrieländern) zurück. Die Idee der Selbstbeherrschung und die Negierung der Abhängigkeit von anderen verhindert eine soziale Einbindung. Die durch Macht zerstörte »verdiente« Autorität und die Erosion des Vertrauens durch neidvolle Vergleiche führt zu Isolation und schwächt damit die Kooperation. Die damit einhergehende kurzfristige Orientierung zersetzt die höflichen Umgangsformen.

Die Stärkung der Kooperation sieht er – im letzten Teil des Buches – in der Partizipation und im Engagement in der Gemeinschaft. Dieses lässt sich daran festmachen, wie viel man bereit ist dafür zu opfern – also einen Teil seiner Interessen aufzugeben, damit es sich für alle lohnt. Auch langfristige Ausrichtungen und Zuverlässigkeit garantieren eine gestärkte Kooperation.

Starkes Engagement enthält auch eine Verpflichtung sich selbst gegenüber. Den Mitbegründer der wissenschaftlichen Soziologie, Max Weber, zitierend, definiert Richard Sennett diese Art dauerhaftes Engagement als Berufung. Man kann es als eine Art persönlicher strategischer Planung verstehen.

Fast zum Schluss dann noch ein Gedanke: Kooperation vermag Identität zu stärken. Gemeinsame Identität baut auf die gemeinsame Aktivität auf und hat eine direkten Bezug zu den Erfahrungen anderer Menschen, die man gut kennt. Gemeinschaft als ein Prozess des »In-die-Welt-Kommens«, einen Prozess, in dem die Menschen den Wert direkter persönlicher Beziehungen und die Grenzen solcher herausarbeiten.

Dieser Wert ist der eigentlichen Nutzen der Kooperation. Ein Identitätsnutzen.

Dies hier ist eine subjektive Verkürzung der komplexen Inhalte dieses Buches, daher empfehle ich Ihnen: Lesen Sie es selbst. Die literarische Form des Autors macht es zu einem Vergnügen und regt zur Kooperation an. Das ist sehr gut fürs Zusammenhalten!

Verlag Hanser Berlin, München 2012
ISBN 978-3-446-24035-3


Joachim Kobuss · Januar 2013